Droht Deutschland 2012 etwa eine Rezession?

Wenn wir keine Rezession vorhersagen, findet auch keine statt

Im Gabler Wirtschaftslexikon liest man unter dem Stichwort „Rezession“ „Nach Erreichen des oberen Wendepunktes (bezogen auf die vier Konjunkturphasen nach Schumpeter) geht die Entwicklung in die Rezession über, die in der Boomphase bei überhöhtem Zinsniveau durchgeführten Investitionen erweisen sich […] als unrentabel, es kommt zu einem Rückgang der privaten Investitionen und zu einer Stagnation des privaten Konsums. Gewinne und Lohnsumme sinken, zahlreiche Unternehmen geraten in Schwierigkeiten.“

Als „oberer Wendepunkt“ lässt sich unschwer das Platzen der Immobilienblase in den USA ausmachen, gefolgt von zahlreichen Bankenpleiten, welche das Währungssystem erschütterten. „Die bei überhöhtem Zinsniveau durchgeführten Investitionen“ erweisen sich [nun] als unrentabel“, die EZB und die US-Notenbank (Fed) senkten daraufhin den Leitzins. Bis dahin alles nach Lehrbuch. Die Bundesregierung aber behauptet, Deutschland gehe es gut. Eine Rezession sei ausgeschlossen.

Sachverständigenratschef Wolfgang Franz prophezeit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Handelsblatt zwar nur ein 0,5-prozentiges Wachstum, doch dafür sei die Zahl der Beschäftigten so hoch wie nie. Die positive Einschätzung teilt auch Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler, der seit der Eurokrise vor allem auf die Binnenkonjunktur setzt. Dank der Strukturreformen zur Jahrtausendwende sei Deutschland arbeitsmarktechnisch gut aufgestellt. Ziel für die kommenden Jahre bleibe die Sicherung des Fachkräftebedarfs sowie die Sanierung des Staatshaushalts. Dadurch, so Rösler, könne die Bundesregierung ihr Wachstum künftig ankurbeln.

Der Ifo-Geschäftsklimaindex gibt Rösler recht – vorläufig. Während 2011 mit einem Wirtschaftswachstum von insgesamt drei Prozent abschließen soll, rechnen Experten für das kommende Jahr nur noch einem Wachstum von einem Prozent. Schuld sind die Eurokrise und der Sparkurs, der in vielen Euroländern betrieben wird. Ein Desaster für den Exportweltmeister Deutschland, dem so große Handelspartner wie Italien oder die USA dahinschwinden, denn die Wirtschaft kränkelt auch jenseits des Atlantiks. Einen Trost gibt es allerdings: Dank des niedrigen Leitszinses, kann sich der deutsche Staat so billig Geld leihen wie nie. Eine gute Gelegenheit, den Abbau der rund 2 Billionen und 27,5 Milliarden Euro Staatsschulden endlich in Angriff zu nehmen!

Paradox ist es allerdings schon. Einerseits lobt man die arbeitsmarktpolitischen Strukturreformen, die zu verstärkter Kurzarbeit, befristeten Verträgen und Lohndumping führten und fährt einen harten Sparkurs. Andererseits verspricht man sich eine höhere Kaufkraft der Bevölkerung, die den Wegfall einiger Exporte sogar kompensieren soll? Dabei werden die Sozialabgaben voraussichtlich ohnehin steigen. Verlangsamt sich das wirtschaftliche Wachstum heißt das, der Markt ist gesättigt. Es gibt weniger Nachfrage nach Gütern und folglich auch nach Arbeitskraft. Die Arbeitslosenquote steigt gemäß dem Okunschen Gesetz.

Dass Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen westlichen Industriestaaten – gemessen an den Lohnstückkosten – seit eben jenen Arbeitsmarkreformen stark verbessern konnte, ist ein Erfolg. Schließlich konnten deutsche Unternehmen dadurch teure Lohnkosten senken und ihre Produktion nach Mittel- und Osteuropa auslagern. Lohnzurückhaltung oder, anders ausgedrückt, stagnierende (Billig-)Löhne bei Flexibilisierung des Arbeitsmarktes nach dem us-amerikanischen „Hire-and-Fire-Prinzp“, haben auch die Produktionskosten im Inland gesenkt. Deutschland ist im internationalen Wettbewerb gut aufgestellt. Knickt dieses Wettbewerbssystem aufgrund von Euro-Krise und Rettungsfonds weg, sollte man allerdings nicht auf die Binnennachfrage bauen.

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