Griechenland raus? Bleiben Lösungserfolge aus, setzt man auf radikale Hau-drauf-Parolen

Noch vor zwei Jahren galt ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone als undenkbar. Ein Krisengipfel jagte den nächsten, und die EU schien fest entschlossen, alles in ihrer Macht stehende dafür zu tun, dieses Sezenario niemals eintreten zu lassen. Allein Deutschland beteiligte sich mit 15,2 Milliarden Euro am griechischen Rettungsprogramm, dem ersten seiner Art wohlgemerkt. Hinzu kamen weitere 30 Milliarden für den europäischen Rettungsschirm mit einem gesamten Finanzvolumen von bis jetzt 103,7 Milliarden Euro. Dazu gesellen sich Forderungen der Bundesbank in Höhe von 28 Milliarden Euro sowie griechische Staatsanleihen der Europäischen Zentralbank im Wert von rund 50 Milliarden Euro, bei denen Deutschland für 13,5 Milliarden bürgt. Ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion käme Europa also teuer zu stehen.

Diese Tatsache hält Politiker und Ökonomen angesichts der nicht abflauenden Probleme (Wahlen, Durchsetzung des Sparpakets) aller vergangenen Bemühungen zum Trotz mittlerweile nicht mehr davon ab, Griechenland einen Austritt aus dem Euroraum nahe zu legen.

US-Ökonom Nouriel Roubini verortet die Lösung der griechischen Schuldenmisere nun sogar einzig in der Rückkehr zur Drachme. Durch die damit verbundene Währungsabwertung könne Griechenland seine internationale Wettbewerbsfähigkeit steigern und so wieder für Wachstum und Beschäftigung sorgen. Dafür könnte es seine Schulden – die in Euro aufgenommen wurden – allerdings noch weniger bezahlen als bisher. Doch auch dafür weiß Roubini ein Patentrezept: eine „aggressive“ Versorgung der Banken mit frischem Kapital als „Teilentschädigung“ für die Verluste der Gläubiger. Um einen Zusammenbruch des griechischen Bankensystems zu vermeiden, empfiehlt er zudem Maßnahmen wie temporäre Bankenschließungen und Kapitalkontrollen, durch die verhindert werden soll, dass Anleger ihre Ersparnisse abheben können, was gewisse Assoziationen zum Jahr 1929 weckt.

Ein historischer Vergleich könnte auch die möglichen Nebenwirkungen des Medikamentencocktails aus Währungsabwertung, Einfrieren von Bankkonten und einer verschärften Restrukturierung des Staatshaushalts aufzeigen. Der Beipackzettel müsste nämlich nicht nur vor massiven finanziellen Verlusten für Steuerzahler und Gläubiger, sondern auch vor einer möglichen politischen Radikalisierung warnen. Denn noch leben die Griechen in einer Demokratie, in der sich solche Maßnahmen nicht folgenlos gegen den Willen der Wähler durchsetzen lassen. Die Wahlen in Athen haben schon jetzt gezeigt, dass von Entwicklungen, wie sie derzeit im Gange sind, vor allem radikale Parteien vom linken und rechten Rand profitieren. Das macht eine stabile Regierungsbildung, die gerade angesichts der angespannten Lage bitter nötig ist, unmöglich. Und während viele griechische Wähler aus Verzweiflung radikal wählen, mehren sich auch in Deutschland und anderen EU-Staaten Stimmen, die fragen „Warum sollen wir für die Schulden anderer gerade stehen?“ Die EU ist durch die Krise also nicht nur finanziell, sondern auch in ihrer Einheit gefährdet.

Warum gibt man also nicht einfach zu, dass Griechenland bankrott ist, anstatt Milliarden um Milliarden für eine angebliche Rettung in den Sand zu setzen, deren Hilfspakete aus nichts anderem als weiteren Krediten bestehen, die Griechenland ohne neuerliche Zuwendungen genau so wenig bedienen kann wie seine übrigen Schulden?

Das bisher investierte Geld ist so oder so verloren. Doch ein offizieller Staatsbankrott, der faktisch schon längst eingetreten ist, bietet wenigstens die Chance auf einen Neubeginn ohne erdrückende Zinslasten und eröffnet den Griechen eine reelle Zukunftsperspektive. Denn bei der Bewältigung der Krise sollte man nicht zuerst und nahezu ausschließlich an die Gläubiger denken, die für das Ausmaß der Krise vielfach mitverantwortlich sind, sondern in erster Linie an die Menschen, die nun für die Politik der Vergangenheit einstehen müssen.

 

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