Quo vadis, Lohnarbeit?

Weihnachten steht vor der Tür – die Zeit, in der wir unsere Liebsten beschenken möchten und ausnahmsweise einmal nicht aufs Geld schauen wollen. Gleichzeitig erscheinen zum Jahresende deprimierende Berichte und Statistiken von unabhängigen Wirtschaftswissenschaftlern, Gewerkschaften und sozialen Verbänden, die jegliche Konsumlust zum Fest der Liebe im Keim ersticken. Besonders erschreckend sind dabei die Tendenzen, die sich in Bezug auf Reallöhne und Geringverdiener abzeichnen – trotz Ausbildung und Vollzeitjob.

Eine fertige Berufsausbildung oder gar ein abgeschlossenes Studium sind heutzutage noch lange keine Garantie dafür, in seinem Job auf einem ansprechenden Niveau entlohnt zu werden. Im Gegenteil: Immer mehr junge Menschen bewegen sich trotz Vollzeitjob am Rande der Niedriglohngrenze. Diese Grenze wurde im Jahre 2010 mit einem monatlichen Bruttoeinkommen von 1.890 Euro beziffert – aufgrund der fortschreitenden Inflation und der steigenden Lebenserhaltungskosten dürfte sich der Cut künftig entsprechend nach oben korrigieren. Laut des Jahresberichts für 2010, den der „Deutsche Gewerkschaftsbund“ Ende des vergangenen Monats veröffentlichte, zählen 2,2 Millionen Erwerbstätige in Vollzeit trotz ausreichender Qualifikationen bereits zu den Geringverdienern. Wer eine solche Statistik kurz vor der Heiligen Nacht zur Kenntnis nehmen muss, der lässt die Kerzen am Baum lieber gleich aus.

Provozieren Wirtschaft und Politik gewollt Armut?

Während Sozialverbände schimpfen, dass sich Lohnarbeit eben nicht mehr lohnt, prahlen Bundesregierung und arbeitgebernahe Organe mit sogenannten „strukturellen Verbesserungen“ auf dem Arbeitsmarkt, die viele neue Vollzeitjobs geschaffen hätten. Diese beiden – scheinbar – widersprüchlichen Aussagen passen bei genauerem Hinsehen sehr gut zusammen. Denn: Wenn die Reallöhne sinken, können neue Arbeitsplätze generiert werden – für Entgelte, die ihren Namen nicht verdienen. Auf diese Weise dreht sich die Spirale immer weiter abwärts; mit jedem neuen Vollzeitjob wird ein neuer Geringverdiener geboren. Wirtschaft und Politik müssen endlich erkennen, dass geschönte Statistiken auf Dauer nicht zu mehr Zufriedenheit und vor allem zu mehr Wohlstand führen. Im Gegenteil, das Gesamtvermögen verteilt sich auf immer weniger Menschen, die Arbeit hingegen auf immer mehr Schultern. Und solche Erkenntnisse verhalten sich zu den Feiertagen, wie Neujahr zu Silvester – sie sorgen für Katerstimmung.

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